Kazuo Ishiguro – Never let me go / Verlass mich nicht

Walter. Im Roman Never Let Me Go (auf Deutsch: Alles, was wir geben mussten) erweist sich der englische Autor japanischer Herkunft Kazuo Ishiguro als ein Meister in der Schilderung der Psyche von Kindern und Jugendlichen.

Ich mag es, wenn Autoren ihre Figuren lieben, weil das die beste Voraussetzung dafür ist, dass wir uns in sie einfühlen können. Für diesen Roman, eine Dystopie von einem England, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, indem man eine besondere Klasse von Menschen schafft, die entgegen Kants kategorischem Imperativ keinen Wert für sich haben sollen, sondern nur Mittel sein sollen, ist das besonders wichtig.

walterWir lernen Menschen lieben, denen andere das Menschsein abgesprochen haben (vgl. Primo Levi: Ist das ein Mensch?).
Die Zentralszene, wo die Erzählerin ein Kissen im Arm hält und zu der Zeile „Oh baby, baby, never let me go“ singt und von einer Erwachsenen („Madame“) von außen beobachtet wird, die darüber in Schluchzen ausbricht, ist von großer Aussagekraft.
Wenn ich dabei die Konnotation des sterbenden Jesus mit den Worten „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ habe, so ist das vom Autor vermutlich nicht beabsichtigt. Aber aufgrund der Mehrdeutigkeit, die er der Zeile gibt, ist auch diese Mitbedeutung nicht ausgeschlossen. Dass nach nicht ganz unüblicher theologischer Auffassung Jesus seinerseits in dieser Situation als Instrument der Erlösungstat Gottes erscheint, erweitert das denkbare Bedeutungsspektrum.
Wie platt dagegen die deutsche Fassung des Titels „Alles, was wir geben mussten“.*

*Die Übersetzung „Lass mich niemals los!“ ist natürlich korrekter als die mit „Verlass mich nicht!“, die ich um der Assoziation zur Kreuzesszene willen gewählt habe.

Susanne Mayer schreibt am Schluss ihrer Rezension des Romans: „Solche Bilder zu ertragen, muss man fast eine Figur aus einem Ishiguro-Roman sein, ergeben und ohne jeden Keim von Widerstand.“

Ich denke eher: Wer das nur als literarische Dystopie liest und sich nicht empört über unsere Gesellschaft (Hessel: Empört Euch!„), die sich in mancherlei Hinsicht auf eine solche Gesellschaft zu bewegt (vgl. „Festung Europa„), dem fehlt etwas von der Moral der Hauptperson diese Romans.

Primo Levi hat in der Einleitung zu seinem Buch über Auschwitz formuliert:

Denket, daß solches gewesen.
Es sollen sein diese Worte in eurem Herzen.
Ihr sollt über sie sinnen, wenn ihr sitzet
In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen,
Wenn ihr euch niederlegt and wenn ihr aufsteht;
Ihr sollt sie einschärfen euern Kindern.
Oder eure Wohnstatt soll zerbrechen,
Krankheit soll euch niederringen,
Eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden.
Im Blick auf Never Let Me Go müsste es freilich heißen: „Bedenkt, dass ihr auf solch eine Gesellschaft zugeht, wenn ihr die Entwicklung weiter laufen lasst!“

Meine persönliche Haltung zur Organspende habe ich hier formuliert.

Nach diesen allgemeinen Überlegungen etwas zum Inhalt:
Die Erzählerin, Kathy, hilft einem Jungen, Tommy, der in Hailsham, dem Internat, in dem sie leben, von allen Mitschülern gemobbt wird (auch wenn die Aussage einer Betreuerin für ihn vielleicht noch wichtiger ist.) Obwohl  er der einzige Junge ist, der ihr wichtig ist, und obwohl es ihr einen Stich gibt, als ihre beste Freundin, Ruth, sich mit ihm anfreundet, übernimmt sie es, als dies Verhältnis gestört ist, in Ruths Auftrag, es wieder anzuknüpfen. (In gewisser Hinsicht ähnelt das der Situation in Sense and Sensibility, wo Elinor dem von ihr geliebten Mann die Möglichkeit geben soll, die Frau zu heiraten, die er nicht liebt. Das heißt: Die liebende Frau wird aufgefordert, sich und ihren Geliebten unglücklich zu machen, und lässt sich darauf ein, weil sie glaubt, das sei das Moralischste.)
Ruth weiß freilich, dass Kathy Tommy besonders nahe steht und ihn besser versteht als alle anderen.
Dennoch hält Kathy sich zurück, als sie merkt, dass Tommy ihr mehr vertraut als Ruth, und verschweigt ihr gegenüber aus schlechtem Gewissen diese Vertrauensbeweise.
Dies wird sehr eindrücklich geschildert, ohne dass es thematisiert wird. Wieder spielt dabei der Song „never let me go“ eine wichtige Rolle. Tommy hilft Kathy, die Kassette mit dem Song, die sie verloren hatte, wieder zu finden und zwar in Norfolk, das die Internatsschüler seit frühen Tagen mit einem Fundbüro assoziieren. So finden auch Kathy und Tommy ihr „verlorenes“ Vertrauensverhältnis zueinander wieder.

Ein Zitat dazu:

That moment when we decided to go searching for my lost tape, it was like suddenly every cloud had blown away, and wie had nothing but fun and laughter before us.

Deshalb zögert Kathy sogar, als sie die Kassette findet, diese zu kaufen, um nicht die neue Gemeinsamkeit zu zerstören. Als schließlich Tommy ihr die Kassette kauft, bekommt der Song „Oh baby, baby, never let me go“ seine ursprüngliche, nicht auf ein Baby gerichtete Bedeutung wieder: Geliebte, lass mich nicht von dir gehen.

Am Ende ihrer Internatszeit erfahren die Schüler, dass sie keine Eltern haben und nur geklont worden sind, um als Organspender zu dienen. Kathy arbeitet zunächst als Betreuer der Organspender und trifft dabei wieder mit Ruth zusammen. Sie versöhnen sich, und Ruth fordert sie auf, zusammen mit Tommy „Madame“ (die Frau aus der Außenwelt von der ersten Song-Szene) aufzusuchen und für sich für eine Zeit des Aufschubs zu bitten, damit sie eine Zeit als Paar zusammenleben können.
Als ihnen das gelingt, erfahren sie, dass die menschliche Behandlung, die sie in Hailsham erfahren haben, nur dem politischen Einsatz einer Gruppe um „Madame“ und ihre Schulleiterin zu verdanken war. Seit es aber einem Forscher gelungen ist, den Klonen eine höhere Intelligenz als Normalmenschen zu verleihen, hat die Gesellschaft jede Ausbildung der Klone verboten, weil befürchtet wird, dass die Klone die Herrschaft übernehmen könnten. Der Versuch, den Klonen zumindest zeitweise eine menschenwürdige Behandlung zuzugestehen, ist gescheitert.

Die Begegnung der beiden Klone mit den Betreuern, die sich für sie eingesetzt haben, wird wie ein Theaterstück gestaltet. Da aber weiterhin alles aus Kathys Sicht geschildert wird, erhält der Leser keinen Einblick darein, durch welche Kontrollmaßnahmen die Klone, die sich frei bewegen dürfen, gezwungen werden, sich immer neuen Organspenden zu unterwerfen. Die Kritik beschränkt sich somit ganz auf die Vorenthaltung der Menschenrechte, nicht auf den totalitären Charakter der Gesellschaft im einzelnen.

Am Ende des Romans fährt Kathy ein paar Wochen nach Tommys Tod wieder nach Norfolk und hält an einer Stelle, wo außer einem Stacheldraht und ein paar Bäumen sich nichts dem Wind und dem Müll, den er über die Felder treibt, in den Weg stellt.

I was thinking about the rubbish, the flapping plastic in the branches, the shore line of odd stuff caught along the fencing, and I half-closed my eyes and imagined this was the spot where everything I’d ever lost since my childhood had washed up, and I was now standing here in front of it, and if I waited long enough, a tiny figure would appear on the horizon across the field […]  I just waited a bit, the turned back to the car, to drive off to whatever it was I was supposed to be.

Der Roman ist eine Dystopie, die unsere Empörung wachrufen soll, aber er schildert sie uns in einer Weise, dass wir uns selbst in ihr wiederfinden können, mit unseren Hoffnungen, unseren Enttäuschungen und der Art, wie wir damit umgehen.

Ich sehe eine große Ähnlichkeit von Anne Franks Versteck und dem Internat Hailsham. Die totalitäre Gesellschaft, vor der dieses Refugium schützen soll, wird freilich nicht gezeigt, Die Klone bewegen sich in der  sie unterdrückenden, nicht nur ausbeutenden, sondern regelrecht ausweidenden Gesellschaft wie in einem unsichtbaren Getto.
Die Nähe zur Behandlung von Asylbewerbern (keine Arbeitserlaubnis, Pflicht, sich in einem engen Bezirk aufzuhalten) und Gefangenen (Fußfesseln) ist erkennbar.

Trotz der deutlichen Gesellschaftskritik trifft m.E. folgende Charakteristik des Romans durch Susanne Meyer zu:

Da ist ein Klang von Stille. Mit den ersten Zeilen wird dieser Ton angeschlagen, wie in der Eröffnung einer Cellosonate, drängender Abstieg in gefasste Melancholie. Vorsichtig, zurückhaltend setzen sie ein, die Romane von Ishiguro, aber sie alle variieren ein einziges überwältigendes Thema – was der Mensch ist in seiner Ungeschütztheit, wie er sich darin bewähren kann, vor allem vor sich selbst.

*****

Walter hat den Beitrag im August 2012 auch in seinem Blog Weites Feld veröffentlicht.

Im Juli 2010 hat Johanna „Never let me go“ in unserem Blog ebenfalls vorgestellt. Es ist bei einem solch wichtigen Buch sehr gut, mehrere Stimmen und verschiedene Herangehensweisen zu haben. 

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