Nancy Kress – Bettler in Spanien

Dörte. Gleich vorneweg: Nein, dieser Roman hat keine Bezüge zum politischen Geschehen in Spanien und der dortigen Bankenkrise und Jugendarbeitslosigkeit. Außerdem weiß ich bis heute nicht, warum der Titel von Nancy Kress, der Autorin, so gewählt wurde.

Dennoch möchte ich diesen bereits etwas älteren Roman empfehlen, der sich seit 1998 in meinem Besitz befindet und den ich mittlerweile vielen meiner Freunde empfohlen habe.

Fotor0112181848Die Geschichte beginnt 2007/2008. Ein gutsituiertes Paar sitzt bei Dr. Ong und will ein Baby, maßgeschneidert – ein Mädchen, blond, mit grünen Augen, groß und schlank, wagemutig und zudem hoch intelligent. Ganz selbstverständlich ordert der Mann auch die „ganze Palette von Korrekturen für jede potentielle genetisch bedingte Krankheit.“ Bis dahin könnte man glauben, das könnte sich heute in jeder Fertilitätsklinik auf der Welt abspielen. Doch ein Wunsch zeigt, im Buch ist man unserer Zeit weit voraus. Der Vater bestellt dieses Kind mit einem fehlenden Schlafbedürfnis.

Leisha Camden wird 2008 geboren, als eine von ungefähr zwanzig Schlaflosen der ersten Generation. Ihre Geschichte und die ihrer Freunde wird in diesem Roman erzählt. Die Schlaflosigkeit führt dazu, dass die Kinder wesentlich intelligenter sind als ihre Altersgenossen, denn ihnen steht mehr Zeit zum aktiven Leben zur Verfügung. Eine weitere Nebenwirkung dieser Genmodifikation ist eine starke Verlängerung des Lebens. Ihnen steht eine fast unbegrenzte Lebensspanne zur Verfügung.

Die superschlauen Schlaflosen schaffen es, den technischen Fortschritt weit voran zu treiben. Sie lösen das Problem der sauberen Energieversorgung. Kress entwirft eine paradiesische Welt und schafft es dann jedoch, auch immer mögliche Konsequenzen aufzuzeigen. So zeigt sich, dass der unbegrenzte Zugang zu billiger Energie dazu führt, dass ein Großteil der Bevölkerung verkommt und künstlich beschäftigt werden muss. Es entsteht wieder eine Brot-und-Spiele-Gesellschaft wie im alten Rom, wo Sklaven und erfolgreiche Kriegszüge zu einer müßigängerischen Bürgerschaft führten. Ganz klar, ohne es extra anzusprechen, zeigt Kress auch die Entwicklung von Müßigang, gefühltem Neid und Angst vor dem Anderen – den Schlaflosen – zum Fremdenhass und Faschismus.

All die genetischen Vorteile verändert der Schlaflosen verändern deren Wesen und ihr Denken und macht sie zu Ausgestoßenen der Gesellschaft, obwohl sie mit ihren Leistungen eigentlich für deren Wohlstand sorgen. Die Hauptfigur Leisha kämpft darum, zwischen den zwei Welten zu vermitteln und einen Weg für ihr eigenes Leben zu finden.

Der Roman besticht mit gut recherchierten medizinischen und technischen Aspekten, die zudem interessant und gesellschaftskritisch dargestellt wurden. Der erste Teil der Bettler-Triologie ist auch der gelungenste. Es ist eines der wenigen Bücher, die ich in all den Jahren mehrfach gelesen habe. Heute ist er mir wieder in die Hand gefallen und in meinen Rucksack gewandert. Der Lesestoff für die nächste Woche ist gesichert.

Bettler-Triologie

  • Kress, Nancy: Bettler in Spanien, Heyne, 1997 – 1. Generation – absolut lesenswert
  • Kress, Nancy: Bettler und Sucher, Heyne, 1997 – 1. und 2. Gernation – ziemlich langatmig
  • Kress, Nany: Bettlers Ritt, Heyne, 1999 – 3. Generation – gut, reicht aber nicht an den 1. Teil heran.

 

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2 Gedanken zu „Nancy Kress – Bettler in Spanien

  1. Danke für diese faszinierende Buchvorstellung und für deine unterschiedliche Einschätzung der Bände. Ich habe gerade in wikipedia und bei amazon rumgeschnüffelt. Dieser Science Fiction Roman hat einiges Aufsehen erregt. Das muss man sich einmal vorstellen, eine Gruppe schlafloser Personen. So sehr weit entfernt von der Realität ist das Ganze vielleicht gar nicht, wenn man an die Problematk von Gruppierungen und ihren unterschiedlichen Lebensformen denkt. Das ist unser Real Life.

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  2. Hallo Ursel,ich fand es immer wieder erschreckend beim Lesen, dass man vergisst, dass dies Science Fictions ist. Es ist faszinierend, wieviel Zeit gewonnen wird, weil man nicht mehr schlafen muss, aber auch zu sehen, dass man damit vereinsamt. Und gut dargestellt ist auch – ein anderer Aspekt des Buches – dass sich die Schlaflosen nicht nach Schlaf sehen, aber nach der Möglichkeit zu träumen. Der Roman besteht aus Schichten und mit jedem Lesen kann man unter eine andere schlüpfen. Auf jeden Fall wünsche ich mir nicht mehr, ohne Schlaf auszukommen, um damit viel mehr Zeit für meine Aktivitäten zu haben – naja, vier Stunden Schlaf, wenn die ausreichend wären, wäre schon okay, aber nicht ganz ohne Schlaf.

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