Michael Winterhoff u. Carsten Tergast – Lasst Kinder wieder Kinder sein! Oder: Die Rückkehr zur Intuition

Walter. Als erstes: Meine Kinder sind keine Kinder mehr und dennoch spricht mich das Thema an. Denn Winterhoff hat in seinen drei bisherigen Büchern auf ein Phänomen hingewiesen, das mir vertraut ist, und deutet Lösungswege an, die für jeden Erwachsenen interessant sind. Um welches Phänomen handelt es sich?


Fotor0112182814Immer mehr Kinder finden nicht zu Ruhe und Konzentration, und pädagogische Mittel bleiben oft erfolglos. Immer häufiger scheint eine Behandlung mit Drogen wie Ritalin die notwendige Voraussetzung dafür, dass pädagogische Maßnahmen überhaupt erst ansetzen können. Winterhoffs Erklärung für das Phänomen ist, dass die Kinder auf dem seelischen Niveau von Zweijährigen stehen geblieben seien und deshalb erst noch Entwicklungsschritte nachgeholt werden müssten, bevor Erziehung wirksam werden kann.

Doch die neuen Überlegungen, die Winterhoff in seinem vierten Buch vorträgt, haben Erklärungswert auch unabhängig von der Gültigkeit seiner ersten These. Trotz des Titels wendet er sich nämlich primär dem Verhalten der Erwachsenen zu und versucht zu erklären, weshalb sich viele so verhalten, dass die Kinder im Reifeprozess gestört werden. Dabei argumentiert er, wie folgt: Die Erwachsenen werden von Katastrophenmeldungen überflutet und geraten dadurch in einen andauernden „Katastrophenmodus“. Außerdem setzt die neue Wahlfreiheit (beim Konsum, bei der Partnerwahl und bei der Arbeitsplatzwahl) sie fortwährend unter Entscheidungsdruck. Überdies hat das elektronische „Netz der Verfügbarkeit“ (S.65) die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit weitgehend aufgehoben (E-Mails, Handys etc.). So kommt der Einzelne nicht mehr aus dem „Hamsterrad“ heraus. Und wenn die Psyche erst einmal in Dauerstress versetzt ist, entwickelt sie Beharrungskräfte, die diesen Zustand beizubehalten streben und jede Veränderung erschweren. Aus dieser Situation hilft nach Winterhoff keine Abarbeitung von gut gemeinten Ratgeber-Checklisten heraus, sondern nur die Erkenntnis über die Zusammenhänge und das bewusste Umlegen des Hebels, der in den Katastrophenmodus geführt hat. Der einzelne müsse wieder zu sich selbst kommen, damit er in sich ruhend aus Intuition heraus handeln könne. Doch, merkt Winterhoff an: „Gerade die Aktionen, von denen man sich eine Rückkehr zur Ruhe erhofft, werden am Anfang vielleicht die größte Unruhe auslösen.“ (S.174) Dadurch dürfe man sich aber nicht irre machen lassen und solle seinen eigenen Weg aus dem Katastrophenmodus verfolgen.

Ob seine Ratschläge dafür helfen, kann man an sich selbst erproben. Er empfiehlt Waldspaziergänge und langsam sich steigernde Phasen der Muße (z.B. ruhiges Sitzen in einer Kirche mit bewusstem Ausschluss jeder Absicht außer der, zur Ruhe, zu sich selbst zu kommen).

Vermutlich gibt es allerdings noch andere Gründe als Reizüberflutung und Katastrophenmeldungen, die einen ins Hamsterrad treiben. Meiner Meinung nach sind auch die gesellschaftlichen Arbeitsbedingungen von wesentlicher Bedeutung, die den einzelnen unter den Druck setzen, in ständigem Leistungswettbewerb jederzeit seine Unersetzbarkeit zu beweisen. Winterhoffs Vorschläge, wie der einzelne dem Hamsterrad entkommen und so seinen Kindern die notwendigen Reifungsschritte ermöglichen kann, sind sinnvoll. Sie entheben uns aber nicht der gesellschaftlichen Aufgabe, unsere Kinder vor ruinösem Leistungsdruck in Kindergarten und Grundschule zu schützen. Und das kann nur erreicht werden, wenn in der Erwachsenengesellschaft ein Mindestmaß an Arbeitsplatzsicherheit herrscht.

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Erschien zuerst als Rezension auf ZUM-Buch

Angaben zum Buch mit Leseprobe

Ausgabearten: gebunden, Audio-CD, eBook

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2 Gedanken zu „Michael Winterhoff u. Carsten Tergast – Lasst Kinder wieder Kinder sein! Oder: Die Rückkehr zur Intuition

  1. Muße – das ist in diesen virtuellen Zeiten mit ständiger Reizüberflutung eine wunderbare Vorstellung. Jetzt fällt mir gerade der Sketch von Loriot ein, in dem der Ehemann fleht: Ich will doch nur hier sitzen, aber seine Angetraute versucht ihm diverse Aktivitäten schmackhaft zu machen. In diesem Fall scheint sie die Person im Hamsterrad zu sein. Ich habe gerade die Leseprobe angeschaut. Das Inhaltsverzeichnis vermittelt schon einen guten Überblick.

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  2. Vielleicht sollte man in Schulen andere Wege einschlagen.Was könnten Kinder alles lernen wenn ein alter vergammelter Bauernhof von Senioren Lehrern und Kindern renoviert werden würde… Erneute Pisastudien bringen uns nicht weiter. Sozialkometenz und Medienkompetenz zu trainieren erscheint für mich sinnvoll.schöne Grüße aus dem Emsland

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