Fjodor M. Dostojewski – Weiße Nächte

Walter. Es ist eine sehr unemanzipierte Liebesgeschichte. Die Frau ist hilflos und ist aus dieser Hilflosigkeit heraus bereit, sich ganz an den hinzugeben, der sie daraus befreit. Ein Dornröschen der anderen Art.

Der Mann liebt sie, weil sie hilflos ist, und überwindet seine Scheu vor der Frau nur, weil er sich als ihr Retter fühlen kann.

So weit ist die Geschichte ganz konventionell. Aber das ist nicht alles. Es gibt zwei Männer, die diese Frau lieben. Sie umarmt und küsst sie beide vor den Augen des anderen. Es kommt aber zu keiner Eifersuchtsszene. Und das Ganze spielt in Petersburg.

Weshalb ist Petersburg so wichtig?

Weil der Erzähler die Stadt unter den Häusern der Stadt gute Bekannte hat, die zu ihm sprechen und für die er sich verantwortlich fühlt.

Hören wir herein, was sie so sagen:

»Guten Tag! Wie geht es Ihnen? Mir geht es, Gottlob, recht gut, und im Mai bekomme ich ein neues Stockwerk.« Oder: »Wie ist Ihr Befinden? Was mich betrifft, so komme ich morgen in Reparatur!« Oder: »Ich wäre neulich um ein Haar verbrannt und bin mit ordentlichem Schrecken davongekommen«

Und dann passiert da diese Geschichte mit dem hellrosa Häuschen:

„Es war ein so liebes steinernes Häuschen, es lächelte mich immer so freundlich an und blickte so stolz auf seine plumpen Nachbarn, daß sich mir jedesmal, wenn ich vorbeiging, das Herz im Leibe freute. Doch wie ich in der vorigen Woche vorbeigehe und meinen Freund anschaue, höre ich plötzlich seinen Jammerschrei: »Man streicht mich gelb an!« Diese Bösewichter! Barbaren! Nichts haben sie verschont: weder die Säulen, noch die Gesimse, und mein Freund wurde gelb wie ein Kanarienvogel.“

Es ist also ein mitfühlender Erzähler, und so leicht fällt es einem nicht, ihm wegen seiner Unemanzipiertheit böse zu sein.

Mehr möchte ich aber nicht darüber sagen; denn auch eine Erzählung, die der Verfasser „sentimentaler Roman“ nennt, lebt ein bisschen davon, dass man noch nicht alles weiß, wenn man ihn zu lesen beginnt. Und außerdem ist sie schnell gelesen, unter hundert Seiten.

Hier ist sie zu finden.

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3 Gedanken zu „Fjodor M. Dostojewski – Weiße Nächte

  1. Ein herzliches Danke für dieses Fundstück. Bei Dostojewski denke ich immer in Kategorien wie Raskolnikoff / Spieler / Idiot. Bei den weißen Nächten hatte ich Schnee vor Augen. Weit gefehlt, inzwischen weiß ich, dass es sich um ein Phänomen in St. Petersburg handelt, und zwar im Mai – Juli, es gibt sogar extra Reiseangebote in der Zeit. Und das Beste an Deinem Vorschlag ist, dass wir wieder an die Sammlung Gutenberg erinnert werden, in der ich die Geschichte demnächst genüßlich lesen werden. http://gutenberg.spiegel.de/buch/2101/1

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