Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten

Sita. Die Romane Cotterills um Dr. Siri, spielen in Laos um das Jahr 1976. Der Ermittler Dr. Siri, zum einzigen Pathologen des Landes ernannt und auf diese Aufgabe kurz nach der Machtübernahme der Kommunisten mehr schlecht als recht vorbereitet, ist bereits 72 Jahre alt, eine Ausnahme in Laos.

„Dr. Siri und seine Toten“, der erste Band der Reihe, bietet dem Leser auf fast allen Seiten aufregende Lektüre: Es passieren ausgefallene Verbrechen aller Art, Herbeiführen einer Explosion im Wohnhaus, Erwürgen, Folter, Sturz aus dem Hubschrauber, Vergiftung – und auch auf den ermittelnden Pathologen Dr. Siri wird ein Mordanschlag verübt. Auf ihn wird geschossen, als er sich gerade bückt, um einen Hund zu besänftigen. Die Kugeln bohren sich an der Stelle in die Tür, bei der eben noch sein Kopf war.

Die Schauplätze sind ebenso exotisch wie die handelnden Personen, mal wird der Leser in den Urwald geführt – dort lebt das Bergvolk der „Hmong“ -, dann denkt er zusammen mit dem Ermittler auf einer Strandbank in Vientiane sitzend über die unterschiedlichen Kriminalfälle nach.

Der Ermittler stellt in der Kriminalliteratur insofern eine Besonderheit dar, als er einen Teil seiner Schlussfolgerungen und Eingebungen in einer Art Wachzustand, einem Traum ähnlich, erhält. Dann suchen den Pathologen nämlich die von ihm untersuchten Toten heim und führen ihn durch rätselhafte Botschaften der Lösung der Kriminalfälle näher.

Man könnte das Ganze für einen aufgesetzten, nicht ernst zu nehmenden Schmarrn halten. Kann man solche Dinge als aufgeklärter erwachsener Leser überhaupt ernst nehmen? Man kann. Innerhalb des Genres der „Regionalkrimis“, der Krimis, die in entlegenen Regionen spielen und den westlichen Leser mit der dortigen Geschichte vertraut machen, spielen die Romane um Dr. Siri des 1952 in London geborenen Colin Cotterill, der heute mit seiner Familie in Thailand lebt, eine ganz besondere Rolle. Das liegt an zwei Aspekten. Zum einen ist es der erfrischende Witz, eher britisch als asiatisch, mit dem Colin Cotterill in die Welt seines Helden einführt. Und zum anderen meine ich, dass es Cotterill gelingt, durch seine Romane das Interesse für Laos zu wecken. Denn dort spielen seine Bücher, die Welterfolge geworden sind.

Mehr zum Autor und seinen Büchern
Sehenswert ist Colin Cotterill’s Homepage. 
Auch die „Krimi-Couch“ bewertet Cotterill sehr positiv. Lars Schafft spricht trocken von „Dr. Siris real existierendem Humorismus“.
Wer sich über weitere Bücher des Autors informieren will, sollte sich es mal auf der Krimi-Couch (siehe oben) gemütlich machen!

Mich hat die Lektüre jedenfalls animiert, in Wikipedia weiter nachzuforschen und zu meiner Überraschung fand ich viele Informationen, die nahelegen, dass die Schilderungen über Land und Leute nicht nur historisch korrekt sind, sondern dass sie Auswirkungen bis in die Gegenwart haben. Das Land Laos wird einem auf unaufdringliche Weise näher gebracht.

Zur Geschichte des Landes Laos, (die man in Grundzügen kennen sollte, um den Roman verstehen und würdigen zu können):
1975 wurde der einzige südostasiatische Binnenstaat Laos kommunistisch, davor war die Demokratische Volksrepublik Laos bis zum zweiten Weltkrieg französische Kolonie. Während des Krieges war Laos von den Japanern besetzt. Die USA, welche in Vietnam offiziell von 1965 an Krieg führten, der durch die Einnahme Saigons durch nordvietnamesische Truppen am 30.4.1975 in Saigon beendet wurde, erklärten Laos nie offiziell den Krieg.

Das in abgelegenen Urwäldern lebende Bergvolk der Hmong wurden von der CIA eingesetzt, um die Pathet Lao, die antijapanische Widerstandsbewegung in Laos, zu bekämpfen und um mit dem Flugzeug abgestürzte oder abgeschlossene US-Soldaten aufzuspüren. Im Roman spielen diese Ureinwohner von Laos eine wichtige Rolle. Dr. Siri sucht sie auf, um bestimmte Hintergründe von ihnen zu erfahren und hat bei dieser schwierigen Mission einen Erfolg, der sich rational nicht erklären lässt. Die Hmong glauben nämlich in dem grünäugigen Ermittler die Wiedergeburt eines längst verstorbenen Heiligen zu erkennen, dem sie vertrauen können. Das Ganze erschien mir so absurd, das es mir naheliegend erschien, mich einmal mit der realen Geschichte der Hmong zu beschäftigen.

Diese Bergbewohner waren während des Vietnamkrieges in amerikanische Kampfhandlungen eingebunden. Sie kämpften auf Seiten der USA („secret war“) und werden jetzt von Thailand aus, wo sie ein Refugium gefunden hatten, nach Laos expatriiert, was die alten Konflikte zwischen ihnen und der übrigen Bevölkerung wieder aufleben lässt.

Die Hmong leben nach dem 2. Weltkrieg nicht nur in Laos, sondern sind über die Welt verstreut. Sie bilden seit jeher  auch eine Minderheit in China – dort „Miao“ genannt – und in anderen asiatischen Ländern. In der alten chinesischen Geschichtsschreibung findet man viel über sie. Nach dem zweiten Weltkrieg sind sie auch nach Europa/ in die USA ausgewandert. Einige von ihnen sind blond.

Die Probleme, welche Cotterill schildert: Rodung des Urwalds, Konflikte mit den Hmong, Armut, schlechte Bildung etc., Anbau von Opium, niedriges Durchschnittsalter (54 Jahre!) spiegeln sich in seinen Romanen. Zur Bildung: Es gibt Initiativen, die Schulbildung zu verbessern. Trotzdem haben einige Kinder in abgelegenen Regionen einen Schulweg von bis zu 20 km. Da sie ihren Eltern helfen müssen, brechen sie die Schule häufiger ab. Die Wikipedia-Artikel bringen weiterführende Hinweise, auch auf Dokumentarfilme. Das Land gehört jetzt zur ASEAN und versucht eine Annäherung an den Kapitalismus. Die UNDP, einige Industriestaaten und Hilfsorganisationen finanzieren die Räumung des Landes von Landminen (Blindgängern) aus dem Vietnamkrieg, welche viele Bauern verletzen oder töten. Die USA beteiligen sich jedoch nicht an den Kosten der Beseitigung der Blindgänger. Durch das Minenräumprogramm finden viele Menschen Arbeit.

Durch Rodung ist viel Urwald verloren gegangen. Rund 14 % des Landes sind jetzt jedoch geschützt.

Das Land ist vom Pauschaltourismus noch unberührt, trotzdem setzt man auf sanften Öko-Tourismus als Devisenbringer. Malaria ist weit verbreitet, einige Formen sind auf Prophylaxemedikamente bereits resistent.

Angaben zum vorgestellten Buch
Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Mohr, München 2008
(Die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel „The Coroner`s Lunch“, Soho Press New York)
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2 Gedanken zu „Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten

  1. Großer Dank an Sita! Hier steckt wirklich alles drin, ein 72jähriger Pathologe, sehr abwechslungsreiche Verbrechensarten, eine total witzige Website des Autors Colin Cotterill, aber das Beste sind natürlich Deine Einschätzung des Buches und die Informationen über Laos und das Bergvolk der Hmong.

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