Vergils Aeneis neu gelesen

Walter. Merkwürdig verhalten sich die Götter. Sie haben ihre Lieblingsmenschen, für die sie viel tun, aber dann verfolgen sie doch wieder ganz andere Pläne.
Venus rettet ihren Sohn Aeneas trotz seiner Kampfeslust aus dem zusammenbrechenden Troja. Sie nutzt dabei aus, dass, dass Aeneas sich verpflichtet fühlt, seinen Vater zu retten.
Ist wirklich die göttliche Mutter der Grund oder ist es von heute aus gesehen eher der Egoismus von Aeneas‘ Genen? Der Held entzieht sich dem Kampf. Im damaligen Sinn ist das feige. Doch Vergil tut alles, um glaubhaft zu machen, dass er andere Motive hat, also dadurch nicht seine Ehre verliert. Da gibt es Venus, die ihn auffordert, den Kampf zu verlassen, dann den weit reichenden Plan von Jupiter, der auf die Gründung des römischen Reiches abzielt.

Aeneas macht mit seiner Schönheit und dem Bericht von seinen Abenteuern Eindruck auf Dido (Nach Vergil leistet die Hauptarbeit freilich Aeneas‘ Halbbruder Amor, der Dido zur Liebe zwingt, so wie er das sogar bei Göttern kann.)
Weshalb hat Venus darauf gedrängt? Um Aeneas in Karthago eine gute Aufnahme zu sichern, um ihn vor dem Risiko eines Kampfes zu sichern?
Jedenfalls scheint ihr die Liebe (sicher die von Dido, wohl aber auch die von Aeneas) – obwohl sie doch ihr Spezialgebiet sein sollte – wenig zu bedeuten gegenüber Hoffnung, dass Aeneas‘ Sohn Julus ein großes Reich begründet.
Warum soll es aber unbedingt in Italien sein, warum nicht in Nordafrika?

Vergil gehörte zum Kreis um Maecenas, dessen Name heute die Bedeutung von Förderer der Kunst angenommen hat. Es liegt nahe, dass er Kunstförderung zur Imagepflege von Oktavian/Augustus betrieben hat, dass er also Vergil nahegelegt hat, einen Gründungsmythos des römischen Reiches zu stiften, der Augustus besser in den Mittelpunkt stellte als die Sage von Romulus und Remus.
Nationalepos“ ist auf das Reich zur Zeit des Augustus bezogen an sich zu eng. Aber die Konzentration auf die Stadt Rom als Ausgangspunkt hatte schon lange vorher und noch lange danach identitätsstiftende Wirkung. Die Verengung auf die Sippe der Julier und deren angeblich göttliche Abstammung brachte nicht nur Augustus einen Zuwachs an Legitimität. Dass Roms Gründung als Projekt Jupiters dargestellt wurde, ließ das gesamte Reich als Ergebnis eines göttlichen Heilsplanes erscheinen.
Ist die Aeneis also lediglich ein besonders ausgedehntes Beispiel für Panegyrik?

Es könnte auch sein, dass Vergil in bewusster Konkurrenz zu Ilias und Odyssee und ihrem – vermuteten – Schöpfer Homer einen würdigeren Gegenstand als nur einen dauernden Streit und ständige Irrfahrten gesucht hat und in Aeneas den dafür idealen Helden gefunden hat: Irrfahrten, aber nicht mit der Heimat, sondern Vergils Gegenwart als Zielpunkt, auch Streit, aber Streit, der zu einem Friedensreich führt. Prophet, der Prophetien verkündet, die von seiner Gegenwart handeln.
Immerhin ist Vergil so für viele Christen zum christlichen Prophet geworden und für Dante zum Führer durchs Jenseits.

Ob diese Buchvorstellung auf den Geschmack gebracht hat oder eher abgestoßen? Vielleicht lohnt es, sich einzelne Stellen aus der Aeneis auzusehen, bevor man entscheidet, was man davon halten soll. Hier sind einige zu finden.
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Ein Gedanke zu „Vergils Aeneis neu gelesen

  1. Ein sehr reichhaltiger Beitrag von Walter. Zur letzten Frage eine Antwort, die mir eine sehr belesene Bekannte, die in USA lebt, gemailt hat: „Uebrigens ich versuche, all Ihre Posterous zu lesen und bekomme immer gute Anregungen. Habe natuerlich gleich meinen Vergil heraus geholt und schnabuliere bei ihm des oefteren.“ Ich habe das „Schnabulieren“ in den obigen Links noch vor mir 🙂

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