Doktor Shiwago

Sita. „Doktor Shiwago“ ist der einzige Roman des Russen Boris Pasternak (1890 – 1960), den dieser in den Jahren 1946 – 1955 während der Chruschtschow-Zeit auf dem Lande nahe Moskaus schrieb.

Eigentlich war Pasternak Lyriker, und daher verwundert es nicht, dass am Ende des Romans eine Reihe längerer Gedichte (Liebesgedichte und Oden auf die Romanfigur Lara) abgedruckt sind und einen Teil des Romans ausmachen. Im Frühling 1956 war das Manuskript abgeschlossen. Seine Publikation wurde vom Sowjetischen Schriftstellerverband und der Kommunistischen Partei sofort verboten. Daraufhin übergab der Autor das Manuskript einem italienischen Verleger, der Roman wurde aus der Sowjetunion herausgeschmuggelt und erschien 1957 in Italienisch und 1958 in Deutsch. Pasternak gab den Shiwago ins Ausland, nachdem er einen Herzinfarkt erlitten hatte, weil er die Veröffentlichung seines Werkes noch erleben wollte.

Der Roman wurde im Westen begeistert aufgenommen. 1958 wurde Pasternak der Nobelpreis für Literatur verliehen, den er zunächst annahm, dann aber auf politischen Druck des Sowjetregimes am 28. Oktober 1958 ablehnen musste. Der Roman, dessen Held sich die innere Freiheit des Individuums in der Zeit der Oktoberrevolution in Russland 1917 und danach trotz Verfolgung und Ächtung durch die Machthaber bewahrt, stellte eine Provokation dar, die unverzeihlich war. Schon früher, Mitte der dreißiger Jahre, war Pasternak vom Sowjetischen Schriftstellerverband schikaniert und ihm die Publikationsgenehmigung entzogen worden. Mehr vermochte man ihm, der unter Stalins persönlichem Schutz stand, nicht anzutun. Pasternaks Verzicht auf den Nobelpreis erfolgte auch aus Sorge um seine Geliebte Olga Iwinskaja, die wieder verhaftet werden sollte.

Drei Tage später hielt der damalige Vorsitzende der Sowjetischen Jugendorganisation Komsomol im Fernsehen seine berüchtigte „Schweinerede“. Wladimir Semitschnastny forderte die Ausbürgerung des Autors und verglich ihn mit Schweinen: ..“Ein Schwein scheißt nie dorthin, wo es schläft. Man kann Pasternak nicht einmal mit einem Schwein vergleichen, denn ein Schwein würde nie das tun, was er getan hat.“  Daraufhin wollte Pasternak mit seiner Geliebten Olga Iwinskaja aus dem Leben scheiden, was diese gerade noch verhindern konnte.

Im Mai 1960 brach Pasternaks Krebserkrankung aus, der er im gleichen Jahre erlag. Sein Sohn Jewgeni Pasternak nahm 1989 in Stockholm in einer besonderen Zeremonie stellvertretend für seinen Vater den Nobelpreis an.

Jürg Vollmer schreibt in „maiak“: 120.Geburtstag von Boris Pasternak. Die Tragödie um Doktor Schiwago.

Wiederholt sich die Geschichte?
Anfang Oktober 2010 erhielt der chinesische Dissident und Bürgerrechtler  Liu Xiaobo  in Oslo den Friedensnobelpreis, obwohl zuvor die chinesische Regierung versucht hatte, zu intervenieren und die Preisverleihung zu hintertreiben. Über Reaktionen berichtet die süddeutsche.de. Der Dissident befindet sich in Haft, seine Frau wurde gewaltsam daran gehindert, Interviews zu geben. Es bleibt abzuwarten, ob der vielfach schikanierte und zu Haftstrafen verurteilte Kämpfer für die Menschenrechte ebenso wie seinerzeit Pasternak vor mehr als fünfzig Jahren mit weiteren Repressalien rechnen muss.

Zu Inhalt und Form des Romans
Der Roman `Doktor Shiwago` schildert die Liebe des Arztes Jurij Shiwago zur Kankenschwester Lara nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs sowie während und nach der Oktoberrevolution in Russland. Shiwago ist mit seiner Jugendfreundin Tonja, der Tochter seiner Pflegeeltern, verheiratet, Lara wiederum mit Pawel Antipow, der sich zum Revolutionshelden entwickelt. Durch die Wirren der nachrevolutionären Zeit wird Shiwago von seiner Familie getrennt, diese emigriert ins Ausland. Antipow begeht Selbstmord. Die Liebe zwischen Jurij und Lara vertieft sich während eines gemeinsamen Aufenthalts auf dem abgeschiedenen ländlichen Anwesen namens Jurjatino, bis Lara wieder in die Hände ihres früheren Verführers Komarovski fällt und diesem folgt, um im Gegenzug Shiwago vor weiterer Verfolgung zu retten. Von diesem Schicksalsschlag wird sich Shiwago nicht mehr erholen, am Ende stirbt er, ohne Lara wiedergesehen zu haben.

Der Roman steht in der Tradition der großen russischen Romane des 19. Jahrhunderts, er umfasst über 600 Seiten. Vor dem Hintergrund der Schilderung von Kriegsgräueln, Aufständen, Scharmützeln, Hunger, Elend und Verlust von Werten und Orientierungen, entfalten sich zeitlose Panoramen von privatem Lebensgefühl und Widerstand gegen politische Umerziehung. Das betrifft besonders die beiden Hauptfiguren Shiwago und Lara, die sich jeder Katalogisierung und Ideologisierung entziehen. Shiwago bemüht sich verzweifelt, tugendhaft und gut zu leben und zu arbeiten, die in großer Armut lebende schöne Geliebte Lara wird als hingebungsvoll und aufopfernd, gleichzeitig kapriziös und launenhaft beschrieben und stellt damit einen Gegensatz zu ihrer eher sachlichen und praktischen Konkurrentin Jurijs Ehefrau Tonja dar, die von Shiwago nicht geliebt wird.

Manche Leser meinen, der Roman sei langweilig. Man braucht in der Tat Geduld und Ausdauer, um ihn zu lesen. Die ausschweifenden Naturschilderungen sind nicht jedermanns Sache, aber: Pasternak war von Hause aus Lyriker, er hatte einen Blick für Perspektive, Farben, er konnte Sonnenaufgänge, Wälder, Schnee, Birken und herumsträunende Wölfe wie kein anderer schildern. Folgt man seinen Zugfahrten und Ausritten durch die russische Landschaft, lässt man sich auf seine Inneneinsichten von Hütten, Häusern und Gehöften ebenso ein wie auf seine Seelenlandschaften, wird man von der einzigartigen melancholischen Stimmung des Romans erfasst, von der träumerischen und fast vornehm-gelassenen Ausweglosigkeit, in die sich sein Held verstrickt. Am Ende kämpft er nicht mehr, sondern erliegt seiner Lungenkrankheit.

 Olga Iwinskaja, das Vorbild für die Lara
Parallelen bei der Romanhandlung zum Leben Pasternaks sind nicht zu übersehen: Wie Shiwago führte auch Pasternak ein Doppelleben, er hatte eine geschiedene Ehefrau, seine zweite Frau Sinaida und gleichzeitig die wesentlich jüngere Geliebte Olga Iwinskaja, die er Mitte der vierziger Jahre in Moskau kennengelernt hatte. Olga hat viel mit der Lara des Romans gemein. Sie wurde das erste Mal im Oktober 1949 verhaftet und zu fünf Jahren Lagerhaft wegen ´konterrevolutionärer Verbrechen´ verurteilt. Ihre zweite Verhaftung erfolgte nach dem Tode Pasternaks im August 1960; sie verbrachte daraufhin vier Jahre wegen illegaler Kontakte mit Ausländern und finanzieller Unregelmäßigkeiten in russischen Straflagern.

Bis zu ihrem Tode 1995 lebte Olga in Moskau. 1988 wurde sie kurz nach der Veröffentlichung des Doktor Schiwago in der Sowjetunion rehabilitiert. 1994 erschien ihre Autobiographie: Lara meine Zeit mit Pasternak (Hoffmann & Campe), in der sie die ständigen Repressalien des sowjetischen Parteiapparats gegen den Dichter und vor allem auch gegen sich selbst schildert.
Das Focus Magazin berichtete 1994 über einen Dokumentarfilm, der Olgas Geschichte zeigt. Sie war es, die für seine aufrechte Haltung und seine literarischen Werke büßen musste.
Später im Jahre 1999 hat György Dalos erfrischend sachlich die vierzehnjährige Verbindung der beiden in seinem Buch Olga Iwinskaja beschrieben. Eine interessante Rezension stammt von Anne Hahn.

Übersetzungen, Verfilmungen, Hörbücher
Im Ausland erschien Doktor Shiwago (auch `Doktor Schiwago`) außer in der Originalversion in 18 anderen Sprachen. Nach der ersten Übersetzung aus dem Russischen ins Deutsche 1958 durch Reinhold von Walter wird am 9. Dezember 2010 wieder im S. Fischer Verlag die Neuübersetzung durch Thomas Reschke erscheinen, eine broschierte Ausgabe für 10 Euro.
1965 wurde der Roman mit Omar Sharif und Julie Christie in den Hauptrollen verfilmt; der Film wurde mit fünf Oskars ausgezeichnet. Ebenfalls bemerkenswert ist die Fernsehverfilmung aus dem Jahre 2002 mit einem ausgezeichneten Hans Matheson als Shiwago und Keira Knightley als Lara.
Schließlich wurde 2001 ein hochkarätig besetztes Hörspiel Doktor Schiwago aus dem Jahre 1958 erneut produziert.

Die Rolle der CIA im Vorfeld der Verleihung des Nobelpreises 1958
Am 21.2.2009 schrieb Rainer Schmitz im Focus Magazin über ein soeben erschienenes Buch des russischen Journalisten Iwan Tolstoi, in dem behauptet wird, der amerikanische Geheimdienst CIA habe Boris Pasternak und seinem Roman 1958 zum Nobelpreis verholfen. Nach den Statuten des Nobelpreis-Kommittees konnte ein Romancier nur dann den Literatur-Nobelpreis erhalten, wenn sein Werk zuvor in der Originalsprache veröffentlicht worden war. Doktor Shiwago war aber zuerst auf Italienisch erschienen. Die Geheimdienstler besorgten sich das beim italienischen Verleger befindliche autorisierte russische Originaltyposkript und finanzierten eine kleine Auflage beim niederländischen Verlag Mouton in den Haag, die am 24. August 1958 erschien. Der neue Nobelpreisträger wurde dann am 23. Oktober 1958 bekannt gegeben.

Weblinks
Doktor Schiwago (Roman) Überblicksartikel in Wikipedia
Rezension im im Literarischen Salon des Badischen Kulturforums Russland

 

2 Gedanken zu „Doktor Shiwago

  1. Vermutlich haben sehr viele Menschen – genau wie ich auch – nur den Film gesehen. Was Du alles herausgefunden hast, regt wirklich zur Lektüre des Buches an. Und vielleicht auch zur Beschaffung der im Dezember 2010 erscheinenden neuen Ausgabe. Es sei denn, man ist jetzt so neugierig geworden und will nicht mehr bis dahin warten 🙂

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  2. Vielen Dank für die geschickte Setzung der Links durch die Blogmacher und für den Hinweis auf die Rezension Anne Hahns zu dem Buch über Pasternaks Geliebte Olga Iwinskaja. Ich kenne den Shiwago übrigens nur durch die „alte“ Übersetzung durch Reinhold von Walter, die ich nach der packenden Fernsehverfilmung von 2002 erneut gelesen habe. Vergleicht man Pasternaks Biographie mit seinem Werk, erkennt man, dass das Leben in seinem Fall fast noch packender ist als der Roman.

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