Niemand sieht dich, wenn du weinst

Horst. Die Geschichte, wie dieses Taschenbuch zu meiner aktuellen Lektüre wurde, ist typisch dafür, wie und was ich als „Mann“ lese: Es ist genau das, was meiner „Frau“ gefällt oder was sie aus der „Grabbelkiste“ im Bücherladen für mich aussucht.


Mir ist zwar unklar, wie sich dieses „männliche Leseverhalten“ jetzt mit der Wissenschaft von Hannelore Schlaffer verträgt – siehe Männer lesen Zeitung, Frauen Romane? in diesem Blog. Das soll mich aber nicht daran hindern, dieses interessante und emotionale Buch zum Lesen zu empfehlen.

Es ist von Fauziya Kassindja und Layli Miller Bashir geschrieben und trägt den deutschen Titel „Niemand sieht dich, wenn du weinst“. Die Leser werden zunächst nach Togo geführt und können etwas vom Leben in einer toleranten muslimischen Familie erfahren. Fauziya – eine der Autorinnen – lebt mit Eltern und sechs Geschwistern daheim, ist der Liebling des Vaters und darf zusammen mit ihrem Bruder auf eine weiterführende Schule im Nachbarstaat Ghana gehen. Selbst das Leben und Lernen dort im Internat macht ihr viel Freude. Die gespannte Situation zwischen ihren Eltern und den Geschwistern ihres Vaters, die über die muslimische Tradition des Stammes uneinst sind, kann der Vater von ihr fern halten.
Fauziyas Situation ändert sich dramatisch, als der Vater stirbt und dessen Schwester und Bruder traditionsgemäß die Verantwortung für die Familie übernehmen und der Mutter von Fauziya den Kontakt zu ihren beiden jüngsten Kindern verbieten – die Älteren sind bereits selbstständig. Fauziya ist 17 Jahre alt und wird gegen ihren Willen mit einem 40-Jährigen verheiratet, der bereits drei Frauen hat. Am Tag nach ihrer Hochzeit soll sie beschnitten werden, obwohl diese barbarische Tradition ausdrücklich von ihren Eltern abgelehnt wird.
Bevor diese Situation eskaliert, gelingt Fauziya  – mit praktischer Hilfe ihrer ältesten Schwester und finanzieller Hilfe ihrer Mutter – die Flucht über Deutschland in die USA, wo sie im Gefängnis landet. Hier beginnt die eigentliche Leidensgeschichte, denn sie ist geradezu „vom Regen in die Traufe“ gekommen. Wegen fehlender Papiere muss sie um Asyl bitten und erlebt hautnah die negativen Seiten der amerikanischen Justiz. In den USA kann sie im Jahre 1966 allenfalls aus politischen und religiösen Gründen um Asyl bitten, keinesfalls aber wegen der Verstümmelung ihrer Genitalien, einer „geschlechtsbezogenen Verfolgung“ also.
Auch wenn das positive Ende dieser traurigen Geschichte jederzeit zu erkennen ist, liest sich das Buch spannend – nach Hannelore Schlaffer freut der „Mann“ sich – und die Situation durch Gefängnis und Justiz berührt emotional sehr – die „Frauen“ kommen also auch auf ihre Kosten ;=). Wenn man sich dann etwas mit den Hintergründen der Beschneidung beschäftigt, können allerdings wohl Frau und Mann nur ärgerlich und traurig über so viel Unvernunft werden ;=((.
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Ein Gedanke zu „Niemand sieht dich, wenn du weinst

  1. Tradition, Religion, Ritual? Wir verstehen Beschneidung als Brutalität und Verstümmelung, aber das Verhindern scheint trotz der Arbeit von Organisationen und privatem Engagement sehr schwer zu sein. In dem von Dir vorgestellten Buch kommt auch die Asyl-Problematik vor. Bei einem solchen Erlebnisbericht ist es gut zu wissen, dass das Buch positiv endet.

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